Texte

Editorial

von Roland Nachtigäller

Die Inszenierung des Körpers scheint geradezu konstitutiv für den sozialen Menschen zu sein. Es fällt schwer sich vorzustellen, dass jemand sich nicht in Szene setzt, setzen kann, wenn er in Kontakt mit anderen ist. Jede Interaktion, schon im Kleinkindalter, ist darauf ausgerichtet, im Spiegel des Gegenübers eine Reaktion hervorzurufen. Folgt man Jacques Lacan, so ist die erste bewusste Begegnung mit sich selbst – sei es nun in einer reflektierenden Oberfläche, wie sie den Narziss-Mythos begründet, oder im mimischen Spiegel der Eltern – der Moment, in dem sich das Ich entwickelt, Persönlichkeit ausbildet und die Autonomie des Menschen als Erkenntnis über die eigene Wesenheit ihren Lauf nimmt.

Fortan spielen die Fragen „Wie werde ich gesehen“, „Wie sehe ich mich selbst“ und „Wie will ich gesehen werden“ eine wesentliche Rolle für die soziale Interaktion und damit auch für die eigene Inszenierung. Schon rituelle Körperbemalungen, aber auch Tattoos und Schminke weisen gezielt in die Richtung der Überführung des Körpers in ein Bild. Kleidung ist in dieser Lesart die Ablösung des Ornaments und der Gestaltung von der Körperoberfläche. Textilien werden damit – neben ihrer rein dienenden Funktion als zweite, wärmende Schutzhülle – zu Bildelementen und der Körper zum Bildträger. Muster, Farben und Formen verschmelzen gemeinsam mit dem Träger zu einem Ganzen, das wir als mehr oder weniger charaktervolle Erscheinung, als Persönlichkeit zwischen Individualität und Uniformität wahrnehmen.

Zugleich aber verselbständigt sich die Mode – erst recht in den künstlerisch experimentellen Formen der Haute Couture – zu einer eigenen Gestaltungswelt. Die Suche nach Identifikation von stilprägender Hülle und schutzwürdigem Leib wird zugunsten einer Bildproduktion aufgegeben, die in gewisser Weise autonom vom Individuum wird. Der Körper bleibt zwar Träger der Zeichen und Gestaltungen, doch spiegeln sie nicht mehr komplexe Innenwelten, sondern werden zu Aneignungen und Interpretationen von bereits vorhandenem.

Das ebenso wegweisende wie elegante Mondrian-Kleid von Yves Saint Laurent, das er erstmals in seiner Herbstkollektion 1965 präsentierte, mag dafür exemplarisch stehen: Es betont nicht den weiblichen Körper, sondern nimmt ihn als Gerüst für eine abstrakte, aus der Kunstgeschichte entlehnte Komposition. Während die ursprünglich zweidimensionale Malerei in eine belebte Körperlichkeit übersetzt wird, tritt zugleich das Individuum als nach Ausdruck und Selbstdarstellung suchendes Wesen zurück zugunsten der Präsentation eines abstrakten Bildes.

An dieser Stelle setzt auch die Arbeit von Maria Visser an. So verlässt sie ganz bewusst den etablierten Kontext der autorengenerierten Modewelt und positioniert sich im traditionellen, geschichtsträchtigen Kunstzusammenhang. Zugleich aber flutet sie den Ausstellungsraum mit Zeichen und Elementen des Catwalks, präsentiert Kleider und Settings, Dekorationen und Models als flüchtige Wanderer zwischen den ganz verschiedenen Bedeutungsebenen. Skulpturen und Raumelemente, Tanz und Musik, Bühne und Ausstellungsraum, Musikvideo und Modemagazin, Besucher und Akteure – in den Projekten von Maria Visser verschwimmen die Trennungen und eröffnen zugleich ein vielstimmiges Bedeutungsfeld. Einzelne Dachlatten bilden Wörter, die wiederum als Stoffstreifen zu T-Shirts werden, historische Erzählungen der Hexenverfolgung mischen sich mit mehrsprachigen Schimpfwörtern für Frauen, während junge Männer und Frauen eine Kleidung vorführen, die nicht für ihre Körper gemacht zu sein scheint: Steife, feste Stoffe in überwiegend Grau, Weiß und Silber, Lederimitat, Fell und Trikot. Sie schmiegen sich nicht an die Leiber, sondern „bezeichnen“ sie, rahmen sie und formen kompakte Oberflächen und geometrische Volumen fast in der Tradition der Schlemmer-Bühne.

In Vissers Präsentationen vermischen sich Aneignung und Neuschöpfung zu einem eleganten und stilvollen Amalgam, das sich selbstbewusst in den Kunstraum drängt und zugleich die Grenzen der Kunst weit in den gesellschaftlichen Raum verschiebt. Indem sie die Oberfläche der modischen Gestaltung als solche thematisiert, emanzipiert sie sie zugunsten einer individuellen Zeichenwelt, die reich gefüllt ist mit sozialen und alltagskulturellen Bezügen. Aneignung ist bei ihr Uminterpretation, Formfindung ist Kommentierung, und die Präsentation im Ausstellungsraum ebenso wie im Pseudomodemagazin ist eine Erzählung, die die Zeichen und Codes souverän miteinander in einen Dialog setzt. Vissers „Mode“ reflektiert nicht mehr das Individuum mit seinen inneren Darstellungswünschen, sondern die Gesellschaft mit ihren Zwängen und Widersprüchen.